Tine Schumann

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TINE SCHUMANN - MALEREI UND GRAFIK
von Dr. Susanne Lüdke
zur Ausstellung TINE SCHUMANN - MALEREI an der Evangelische Akademie Bad Boll, April 2011

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, Ihnen die Ausstellung mit Werken von Tine Schumann ein wenig erläutern zu dürfen, die man mit Fug und Recht als „Heimspiel“ bezeichnen darf.
Denn Tine Schumann wurde 1972 in Kirchheim geboren, hat hier ihre Kindheit und Schulzeit verbracht, hat während dieser frühen Jugendjahre immer schon gemalt und war nach dem Abitur viel auf Reisen, gewissermaßen auf der Suche, auf dem Weg. Sie hat dann hier auch ihre erste Ausbildung in künstlerischer Richtung absolviert, nämlich zur Kunsttherapeutin in Nürtingen. Tine Schumann hat also einen sehr engen, persönlichen Bezug zu dieser Gegend hier, die ihre Heimat ist, die Alb, die Landschaft vor oder unter der Alb, das Neckartal. Seit 10 Jahren lebt sie nun im Osten der Republik, zunächst in Leipzig, wo sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte, dann in Berlin. All diese Lebens- und Bildungsstationen waren wichtig für sie, schlagen sich in den Werken nieder und sind gleichzeitig auch so etwas wie ein Reflex auf die deutsche Geschichte, insbesondere die Geschichte der deutschen Kunst in der zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. In Nürtingen hat Tine Schumann mit dem Dozenten Thomas Hellinger gearbeitet. Er kommt aus der Abstraktion, mit starken graphischen Bezügen, auch zur konkreten Malerei und damit ein „typischer“ Vertreter der westdeutschen Malerei in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Von ihm, sagt Tine Schumann, hat sie das genaue Hinsehen, das Erkennen eines Bildes, einer Komposition gelernt. In Leipzig wiederum hatte sie das Glück, noch mit Dozenten aus der Zeit vor der Wende arbeiten zu können. Sighard Gille – neben Arno Rink einer der Väter der Neuen Leipziger Schule – war hier ihr einflussreicher Lehrer. Die gegenständliche und figürliche Malerei, die ja von Leipzig aus einen Siegeszug angetreten hat, den man sich zehn Jahre vorher noch nicht hatte vorstellen können, prägt Tine Schumanns Bilder. Wir haben in dieser Ausstellung verschiedene Werkgruppen, die jeweils Bezüge zu diesen verschiedenen Lebensstationen herstellen.
Beginnen wir mit den Kinderporträts, die sie im Erdgeschoss sehen. „Ipak – trotzdem“ nennt Tine Schumann diese Serie, die sie als Erinnerungsbilder bezeichnet. Denn sie entstanden fast zehn Jahre nachdem sie sich 1999 als Kunsttherapeutin in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Tuszla, in Bosnien, mit diesen Kindern beschäftigt hatte. Überlebensgroße Porträts von Kindern in Aquarelltechnik, sehr zurückgenommen in ihrer Farbigkeit und ergänzt mit stärker farbigen Zeichnungen der Kinder selbst in Wachskreiden, Buntstift, Filzstift, die von der Künstlerin nachgemalt, nachempfunden wurden. Sehr ernst und blass wirken diese jungen Gesichter, die Mädchen bisweilen schon an der Schwelle zur Frau. Riesige Augen schauen uns an, sie erzählen von dem Trauma des Krieges, der Flucht, von dem Schrecklichen, dass sie bereits gesehen haben. Und gleichzeitig steckt da ein enormer Lebenswille, eine spürbare Vitalität in ihrem Ausdruck – „ipak – trotzdem“! Hier wird schon eine politische oder, wenn man so will, eine ethische/religiöse Grundhaltung der Künstlerin deutlich: Sie steht auf der Seite der Schwächeren, der Unfreien, der vielleicht Chancenlosen. Und sie steht zu diesem unbedingten Lebens- und Freiheitswillen.
Ganz anders die Kinderbilder in Ölmalerei hier im ersten Stock. Das sind die behüteten Kinder unserer Gesellschaft, die noch keine Krisen und Einschränkungen hinnehmen mussten, die in Sicherheit leben oder sich in Sicherheit fühlen. So unterschiedlich kann Kindheit sein. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass auch die Techniken sehr unterschiedlich sind: Die verletzbaren, den Einflüssen von Zeit, Licht, Luftfeuchtigkeit viel mehr ausgesetzten, also fragileren Arbeiten unten. Und die auf Dauer und Beständigkeit angelegten, die stabileren Arbeiten aus Ölmalerei auf Leinwand hier oben.
Eine andere Gruppe von Bildern beschäftigt sich mit Tieren. Da ist immer wieder der Wolf oder ein Hund, Wildkatzen und besonders eindrucksvoll die Hyäne, die mit ihrem seelenvollen Blick all unsere Vorurteile gegen genau diese Tierart aufhebt und uns tatsächlich als „Bruder Tier“ begegnet. Die Technik – Tusche auf Papier – verstärkt die Weichheit des Ausdrucks auf diesen Tiergesichtern. Sie sind achtsam, aufmerksam, spüren der Gefahr nach und sind jederzeit bereit zur Flucht. Die so genannten Raubtiere wirken weniger gefährlich als vielmehr gefährdet und haben besonders in der kleinformatigen Aquarellserie „durst“ viel Verwandtschaft mit dem Menschen. Das Wasser als Lebenselixier steht auch für das Leben schlechthin. Gleichzeitig ist der Ort des Lebens – die Wasserstelle – auch immer der Ort der Gefahr, der Lebensgefahr. Denn hier wird gekämpft, wird getötet, hier begegnet das Opfer seinem Täter, hier spielt sich der ganze Kosmos des Lebens ab. Die Wasserstelle als Bild für den sich ständig wiederholenden Kreislauf des Lebens. „Flieg fort, flieg fort!“ heißt denn auch warnend der Titel des großen Flamingobildes, das eine ganze Vogelschar bei der Rast an einem Wasser zeigt.
Die Bewegung, die wir schon auf den Tierbildern sehen, ist noch einmal verstärkt in der letzten und auch jüngsten Werkgruppe, die sich direkt mit der politischen Dynamik in Berlin beschäftigt. Tine Schumann hat ihr Atelier in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Hier ziehen regelmäßig Demonstrationszüge durch mit unterschiedlichsten politischen Forderungen und Protesten. Wieder geht es um Freiheit und Gerechtigkeit und um die Frage, wer droht und wer ist bedroht. Sind die vermummten Steinewerfer gefährlich – oder geht die Gefahr doch eher von den martialisch uniformierten Staatsbeamten aus? Steht die orange, gelbe und rote Farbe der Demonstranten für das Leben? Und die grau-schwarze Uniform für Zwang und Unfreiheit? Und welches „Spiel“ – so der Titel des Bildes – spielt der Wolf mit den drei Uniformierten, die ganz klein vor ihm herlaufen? Ist die spontane kreatürliche Natur letztlich stärker als die organisierte Staatsgewalt?
Das sind Fragen, die in den politisch-philosophischen Bereich führen, vielleicht auch in den ethisch-religiösen. Und wenn man weiß, dass
Tine Schumann sich durch ihre Kindheit und Jugend hier in dieser Gegend im Protestantismus verankert fühlt, dann kann man auch gut verstehen,
dass sie sich mit ihren Bildern hier in der Evangelischen Akademie Bad Boll besonders gut aufgehoben fühlt.
Dr. Susanne Lüdtke
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