Tine Schumann

MIT MACHT ACHT MACH OHNE MACHT ACH MACH MIT
von Thomas Kumlehn

Tine Schumann und Christoph Damm aus Berlin hier im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt.
Welch ein Abenteuer für die Sinne, verehrte Gäste. Die symmetrische Wortkette des Ausstellungstitels vorab fordert mit seinem Losungscharakter eine wache Geisteshaltung des Lesenden ein. Die Bedeutung gebenden Versalien, der harte Staccato-Rhythmus, die gesprochen sich beschleunigenden Silben, der agitatorisch anmutende Sprachklang; all das eine irritierende Mischung aus suggestivem Anfeuern und Distanz erzeugendem Emblem? Man fühlt sich einerseits angesprochen und gleichzeitig selbst überlassen - animiert, aber ungeführt. Hinter dem ellenlangen Ausstellungstitel steckt die Herausforderung. So wenig ist sicher: Die Suche nach einer verborgenen Interpretation beginnt! Obwohl eine erste Lesart drei völlig unabhängige Aussagen ergibt:
„Mit Macht Acht – Mach ohne Macht – Ach mach mit“. Doch löst das gesprochene Tripel eine rätselhafte Beschwörungsmagie aus. Gerade dann, wenn man es wiederholend vor sich hin murmelt. Im Gegensatz dazu liegt die Anordnung der Wörter einem einfachen Schema zu Grunde, welches auf zwei Grundaussagen beruht: „Mit Macht Acht Mach“ und „Ohne Macht Ach Mach“. Das wiederkehrende „Mit“ am Ende wäre in der Musik die Spielanweisung für Wiederholung, d.h. da capo al fine. Im Animationsfilm wäre es die Wiederkehr der ersten Einstellung, der Beginn des Loops. Bildet das zweifache „MIT“ hier die Einrahmung? Sie merken, einen Lösungsansatz zu finden, kann wohl nur gelingen, wenn man die semantische Ebene mit der Ausstellung selbst in
Verbindung bringt. Und hier liegt der eigentliche Schlüssel für die Überschrift. Es handelt sich um das Legen einer Spur mit Hilfe eines verbalen Codes, dessen Sinn sich für Betrachter, nennen wir Sie Eingeweihte, auf die Ausstellung beziehen und entschlüsseln lässt. Ins Leere läuft derjenige, der die Überschrift stracks als griffige Ankündigung übersetzt, der er entnehmen kann, was ihn erwartet. Gut. Nehmen wir einmal an, Sie sind hier, weil Sie keine konkrete Erwartung an diese Ausstellung mitgebracht haben. Egal, ob Sie zu jeder Vernissage hier ins Museum kommen, oder nicht; Sie sind offen für die heutige Begegnung, ansonsten wären Sie nicht hier.

Doch kommen wir nun zu den beiden Künstlern und ihren Werken: Christoph Damm reist als
Fotograf mit dem Sinn für das Fragment und für die Atmosphäre durch die Welt. Sein Blick ist
analytisch. Gleichwohl schafft er es, der Eigendynamik der Situation oder des Raumes zu vertrauen.
Seine Bilder formt er gern zu Werkreihen. Sie geben ihm die Möglichkeit, mit gestalterischer
Strenge bildästhetische und inhaltliche Zusammenhänge herzustellen und nachvollziehbar zu
vermitteln. Denn klar ist ihm, dass sein Blick, der die Voraussetzung für die Entstehung des Bildes
ist und die in Folge dessen entstandene Aufnahme, den realen Ort im Geheimnis bleiben lassen. Er
spielt mit diesem Wissen, wenn er die Fotografien mit dem Datum, der Uhrzeit der Entstehung und
GPS-Daten veröffentlicht, die faktisch exakt in Längen- und Breitengrad den Ort der Aufnahme
wiedergeben. Als würde jeder, der diese Reise nachvollzieht, mit dem Blick des Fotografen belohnt
werden können. Oder, als hätte jeder der dieselben Landstriche bereist hat, vor den Fotos ein Déjà-
vu. Christoph Damm ironisiert die Profession eines modernen Kartographen, wenn er Bilder und
Aufzeichnungen von Orten anlegt, die längst nicht mehr unbekannt sind. Die serielle Aufbereitung
und Verfremdung seiner Bild-Bestände wiederum macht die Unterschiede zwischen abstraktem
Wissen, google-viewing und konkreter Erfahrung bis hin zur solitären Bildaneignung sichtbar.
Insofern ähneln sich in dieser Hinsicht grundsätzlich Werkreihen wie „unterwegs“ und „Stille
Orte“, in denen der besondere Blick des Fotografen, seine Wahrnehmung, viel entscheidender sind
als die messbare Verortung in der Fremde oder Nebenan. Obzwar ihn durchaus nachdenklich
stimmt und beeinflusst, dass die heutige Reisegeschwindigkeit nur noch entfernt an die Erfindung
der Eisenbahn erinnert. Es reizt ihn gerade deshalb körperlich, sich Entschleunigungserfahrungen
zu überlassen. Seine Bilder unterliegen einem wahrnehmungsphysiologischen Konzept. Unschärfen
bis hin zur Auflösung von Formen werden bewusst kalkuliert, weiß Christoph Damm doch um die
Dichotomie zwischen Wahrnehmen und Erkennen. Besonders anschaulich wird es an Fotografien
von historischen Gemälden oder Skulpturen, denen er in Kirchen begegnet ist. Mit der Unschärfe
als gestalterischem Mittel entzieht er uns die Ansicht dieser Werke. Als wolle er gerade damit das
Sehen aktivieren. Während der Betrachtung schleichen sich vergleichende Bilder unseres
Gedächtnisses ein. Die Darstellung einer Mutter und ihres Kindes nimmt einen schemenhaften
metaphysischen Ausdruck an, als würde es sich um zeitlose Archetypen einer ewigen Zweier-
Beziehung handeln, entkleidet jeglicher konkreten Zeit und Konfession. Zugleich sorgt die
Verunklarung der Ansicht und der Herkunft dieser fotografierten Werke für eine Säkularisierung der
Figuren. Man kann ihnen nicht mehr ansehen, dass sie für kirchliche Auftraggeber in Holz gehauen,
auf Leinwand gemalt wurden, oder leibhaftig vor dem Fotografen standen. Die Ferne erzeugende
Aura als von Walter Benjamin benannte Eigenschaft des Originals, dass es von der Reproduktion
unterscheidet, scheint hier nicht zu gelten. Vielmehr sorgt die optische Entrückung jedes ins Bild
gesetzten Originals für die Lust des Betrachters am Hinterfragen der geradezu antropomorphen
Sinnlichkeit dieser Werke. Als wäre es möglich, die Ateliersituation des Malers oder des Bildhauers
bewusster zu machen, die einst vor einer leibhaftigen Mutter und ihrem leibhaftigen Kind ans Werk
gegangen sind. Mit seinen konzeptuellen Aneignungs- und Auswahlverfahren erarbeitet sich
Christoph Damm strenge Werkreihen. Die zwei- und dreidimensionalen Werke durchlaufen
Herstellungstechniken, die versiert ausgelotet sind und zu feinstofflicher, aber auch grober
haptischer Präsenz führen. Intellektuelle Tiefe und Komplexität seiner Bildanlagen zeigen sich
jedoch nie auf den ersten Blick.

Tine Schumann übersetzt Wirklichkeitserfahrungen in rasante Einzelbilder und turbulente
Environments. Sie bringt sie bewusst in eine geradezu bedrängende körperliche Nähe zum
Betrachter. Ganz im Gegensatz zur Wirkung ihrer raumgreifenden Bilder und Objekte stehen die
fragilen Bildträger und Materialien. Zitat: „Die Materialität spielt dabei für mich eine besondere
Rolle. Das Papier, das vorrangige Material all meiner Arbeiten, ist ein eher vergängliches,
verletzliches, sensibles Material. Oft bearbeite ich es bis an seine absolute Grenze. Der Malprozess
ist selbst ein Kampf, ein Attackieren und zugleich ein sensibles Ausloten des Möglichen, in
Hinsicht auf die Stabilität des Materials sowie die Prägnanz der Darstellung.“ Die
Leidenschaftlichkeit des zeichnerischen und malerischen Prozesses spürt man in den großräumig
angelegten Werken. Darauf befinden sich konfliktreich aufgeladene Szenerien voller Unruhe -
gestenreich und hoch angespannt; interaktive Darstellungen von unversöhnlich gegeneinander
Agierenden. Polizeibeamte und Autonome bilden uniforme Gruppierungen, Wölfe und Hunde sind
jeweils für sich und im Rudel abgebildet. Auch Mischwesen, halb Tier, halb Mensch, sind darunter.
Wir begegnen einer realistischen Bildästhetik, deren animalische Protagonisten allegorisch
interpretiert werden können. Der vom Menschen domestizierte Hund, Hüter des Hauses und Hofes,
irritiert uns, wenn er im Rudel auftritt. Dort aufgenommen tritt eine wildes Verhalten in
Erscheinung, das wie bei den Wölfen offensichtlich von der Rangfolge untereinander bestimmt
wird. Das weiß jeder, der mit vagabundierenden Straßenhunden Bekanntschaft gemacht oder Wölfe
beobachtet hat.

Die Dynamik innerhalb der Darstellungen ist faszinierend und gezeichneten Animationsfilmen
verwandt. Betrachten Sie die gegenläufigen Bewegungen in den Bildräumen, oder die manchmal
radikale Verselbständigung der Geschehen im Vorder- vom Hintergrund eines Bildes. In die
Environments fühlt man sich hineingestellt, sogartig einbezogen in diese ungestüme, eruptive,
„laufende“ Bildwelt. Gleichermaßen sucht man nach inhaltlicher Orientierung, doch ein narrativer
Strang, der eine moralische Bewertung enthält, findet sich nicht. Die platte klassenkämpferische
Zuschreibung in Gut und Böse bleibt aus. Es gilt die Konstellationen zwischen Mensch und
Mensch, zwischen Tier und Tier, zwischen Tier und Mensch hinterfragend auszuhalten. Der
Betrachter ist dadurch auf sich zurückgeworfen und gleichzeitig bemüht, eine Position zu finden.
Die Künstlerin bewegt sich mit ihren Werken auf einem riskanten Grat. Eine geistig-aktive und
andauernde Wahrnehmung im Betrachter zu motivieren ist schwierig, weil die Atmosphäre in den
Bildern ungemütlich ist. Ihre aufrührende Direktheit mag nicht jedermanns Sache sein. Wenn
jedoch Kunst akzeptiert wird, weil sie den Betrachter sanft aus der Welt nimmt, sollte man die
Qualität der künstlerischen Arbeit von Tine Schumann gerade darin sehen, dass sie uns packt,
befragt und in Unruhe versetzt. Dem von ihr seit 2011 reflektierten Themenfeld Gewalt sowie der
daraus resultierenden Bedrohung des Lebens spürt sie im Alltag nach und in den Medien. Eine

Sublimierung dieser erfahrenen und gestellten Wirklichkeit gelingt ihr dadurch. Das ist keine
Verdrängung, nein, sondern ein offenherziger Umgang, dem wir begegnen, der uns sensibilisiert.
Dahinter kommt eine Geste der Zuwendung zum Vorschein. Warum sollten wir diese Geste
ausschlagen und uns abwenden ...
MIT MACHT ACHT MACH OHNE MACHT ACH MACH MIT
Tine Schumann und Christoph Damm lernten sich 2008 während eines gemeinsamen
Kalenderprojekts in Berlin kennen und seither schätzen. Sie haben von Zeit zu Zeit gemeinsam
Ausstellungen entwickelt und auch dieses Projekt vom Kopf auf die Beine gestellt. Sie, verehrte
Gäste, entdecken in den Museumsräumen weit mehr, als ich Ihnen vorgestellt habe. Mir ging es
darum, Ihnen mit der Einführung eine Art Schlüsselbund in die Hand zu drücken, mit dem Sie gut
gerüstet ihre eigenen Zugänge finden. Manchmal werden sich Ihre und meine Wahrnehmungen
decken, manchmal nicht. Schon der Vergleich kann eine Brücke für die Betrachtung werden.
Mein Dank gilt den beiden Künstlern aber auch dem Museumsleiter Hartmut Preuß für die mutige
Ausstellung und die angemessene Ausdehnung hier sowie im Erdgeschoss. Die Präsentation wird
Sie, verehrte Eröffnungsgäste, möglicher Weise polarisieren. Und es wäre wunderbar, wenn Sie
dadurch heute und hier zum gedanklichen Austausch angeregt werden. Eine solche Wirkung
entspräche dem sozialen Sinn, den Tine Schumann und Christoph Damm Ihrer künstlerischen
Arbeit beimessen. Die Räume sind gefüllt, die Tische sind gedeckt. Herzlichen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit.

Thomas Kumlehn
Eröffnungsrede Eisenhüttenstadt, 11.4.2015