Tine Schumann

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STREETFIGHTING

Malereien und Grafiken von Tine Schumann in der Galerie des Vereins Bildender Künstler
von Martin Schönfeld

In Tine Schumann würdigt der Benninghauspreis 2012 des Vereins Berliner Künstler eine Künstlerin, die sich in ihren Werken sehr reflektiert mit ihrem Lebensumfeld und dessen esellschaftspolitischen Dimensionen befasst. Die Auszeichnung gilt einer neueren Werkgruppe der Künstlerin, die sich vielfach der Begegnung zwischen dem Menschen und dem Tier widmet und damit in überraschenderweise einen Lebensbereich unserer Wirklichkeit erfasst, der in der zeitgenössischen Kunst gewöhnlich keine Rolle spielt.
Tine Schumann ist Malerin und Grafikerin. In ihrem Schaffen spielt die Zeichnung eine wichtige Rolle. Viele ihrer Arbeiten wirken fast wie gezeichnet, auch wenn sie über die Tusche hinaus mit Aquarellfarben gemalt sind.
Von diesem Ansatz aus überrascht es nicht, dass das Bild des Menschen und des Tieres, dass unsere gegenständliche Welt der Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind und dass ihr bildnerisches Denken von der Konkretheit unserer Gegenwart ausgeht. Die reale Welt steht im Zentrum ihres Schaffens und ist der Ausgangspunkt ihrer Inspiration. Die Auseinandersetzung mit der Abstraktion fließt in ihre Werke unbewusst und nebensächlich ein. Frei gesetzte Farbflächen können ihre Bildszenerien hinterfangen und zur Vorstellung von Räumlichkeit beitragen. Einen Selbstzweck räumt die Künstlerin diesen Aspekten ihres Schaffens jedoch nicht ein. Abstraktion ist für Tine Schumann ein strukturelles Mittel.
Die Verleihung des Benninghauspreises 2012 an Tine Schmann ist außerordentlich erfreulich, weil der „gegenständlichen“ zeitgenössischen Kunst immer noch mit Vorurteilen begegnet wird, sie gegenüber der Fotografie und der Medienkunst als antiquiert zurückgesetzt wird und auch weil gerade in der Malerei wieder die Abstraktion triumphiert.
Mit ihrem individuellen künstlerischen Ansatz verdeutlicht das Werk von Tine Schumann, welche Möglichkeiten einer inhaltlichen Position und der thematischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart in der Malerei und Grafik liegen. Ihre Arbeiten und vor allem ihre neuere, seit 2009 entwickelte und heute hier präsentierte Werkgruppe heben den Stellenwert einer zeitgenössischen gegenständlichen Kunst hervor.
Diese Position stand für die Künstlerin nicht in Frage. Entsprechend wählte sie mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig eine Ausbildungsstätte, die nicht nur für eine solide Lehre steht, sondern auch mit ihrer Tradition der „Leipziger Schule“ die thematische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit verkörpert. Im Umfeld der „dritten Leipziger Schule“ absolvierte Tine Schumann bis 2006 ihr Studium. Spuren aus dieser Zeit scheinen in einzelnen Werken auf. Auf dieser Grundlage hat sie in den zurückliegenden Jahren ihre eigene künstlerische Position gefunden, die im Unterschied zur „Leipziger Schule“ gegenüber der Wirklichkeit eine deutlichere Sprache spricht und vielleicht einen eher „berlinischen Tonfall“ anschlägt. In diesem Zusammenhang darf auch nicht übersehen werden, dass Tine Schumann mit ihrer ersten Ausbildung als Kunsttherapeutin ein Interesse und eine Nähe zum Leben der Menschen sowieso schon mitbringt.
Die Ausstellung wird von zwei großformatigen und komplexen Werken eröffnet.
Da ist zum einen die raumgreifende Installation mit dem Titel „Wohin willst Du?“ und zum anderen eine vielschichtige Collage von verschiedenen auf Seidenpapier ausgeführten Zeichnungen mit dem Titel „Nur mit der Ruhe“.
Beide Werke führen uns in das zentrale Thema dieser Ausstellung und der mit dem Benninghauspreis ausgezeichneten Werkgruppe hinein: Die Begegnung von Tier und Mensch.
Tine Schumann hat ihre Ausstellung unter den bezeichnenden Titel „Rudel“ gestellt. Das Wort „Rudel“ wird allgemein und vorrangig auf eine Gruppe von Tieren bezogen, kann aber auch sehr wohl für eine Gruppierung von Menschen verwendet werden, vor allem dann, wenn diese niederträchtige, vielleicht auch kriminelle Ziele verfolgen.
Beide Werke führen solche „Rudel“ zusammen: In der räumlichen Installation ist es ein Zug von Hunden – motivisch sich der Begegnung der Künstlerin mit einem Hundeschlitten auf der Stresemannstraße verdankend –, der frontal auf eine Gruppe von in Kampfmontur dargestellten Ordnungshütern zuläuft. Dagegen stürzen sich auf der Wandcollage die „Repräsentanten der Inneren Sicherheit“ allein oder in Zweier- und Dreiergruppen auf einzelne Tiere, die sie zu fassen, zu bändigen, zu zähmen, vielleicht sogar zu erdrosseln suchen.
Die Begegnung dieser „Rudel“ ist ganz und gar nicht friedlich und läuft unweigerlich auf eine gewalttätige Konfrontation hinaus. Dieses Bildgeschehen ließe sich übergreifend mit dem Kampf zwischen Mensch und Tier umschreiben.
Dieser thematischen Umschreibung entspräche die traditionelle Jagddarstellung, die genau in dieser Begegnung zwischen Mensch und Tier und ihrer dramatischen Vergegenwärtigung des Kampfes beruht. In ihrer Bildwürdigkeit erlebte die Jagddarstellung im 17. und 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Im Unterschied zu diesen Werken der Kunstgeschichte ist aber in den Arbeiten von Tine Schumann die Rollenverteilung zwischen Jäger und Gejagten nicht eindeutig. Vor allem ist die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tier in den Werken von Tine Schumann eine sehr konkrete, die von den Jägern körperlichen Einsatz abverlangt und nicht wie in der herrschaftlichen Vergangenheit die Hatz der treuen Hunde nach dem Wild. Bei Tine Schumann können auch die noch so treuen Hunde zum Gegner des Menschen werden.
Diese zwei großformatigen Arbeiten und die kleineren in den anschließenden zwei Ausstellungsräumen beschreiben Jagddarstellungen der besonderen Art. Ihre Inspiration und ihren Ursprung finden sie dabei nicht im Wald und auf der Heide, sondern auf dem nackten Asphalt der Großstadt: Der Straßenkampf, die Konfrontation zwischen Demonstranten und Polizisten, zwischen dem „schwarzen Block“ und dem „grünen Block“, steht im Hintergrund der Arbeiten von Tine Schumann. Es ist die Begegnung von martialischer Panzerung auf der einen Seite und von Meinung, Opposition und individualisiertem Widerstand auf der anderen Seite. Dass es auch dort Uniformierungen gibt, deutet die Künstlerin in einzelnen Arbeiten an. In ihren Jagdszenen des Streetfighting überträgt Tine Schumann die Rolle des Gegners dem Tierbild, das in seiner Natürlichkeit den Panzerungen der Ordnungsmacht schutzlos ausgeliefert zu sein scheint.
Das Tierbild und vor allem der Hund und der Wolf treten in den Werken von Tine Schumann als Sinnbilder einer ungebändigten Natürlichkeit in Erscheinung. Sie verkörpern Freiheit, Ungebundenheit, Spontaneität, instinktive Reaktion, Emotionalität.
Mit dem Motiv des Tieres schließt Tine Schumann an eine alte Tradition des Tierbildnisses an. Tiere wurden sowohl in der Literatur mit der Tierfabel als auch in der bildlichen Darstellung als Gleichnisse für menschliche Stärken und Schwächen eingesetzt. Sie karikierten die Wirklichkeit, und an ihren Erlebnissen wurden den Lesern und Betrachtern moralische Lehren erteilt.
Darüber geht Tine Schumann in ihrem Schaffen jedoch hinaus. Denn sie setzt das Tierbildnis in eine Beziehung zum Menschen. Sie konfrontiert den Menschen mit dem Tier und lässt beide eine direkte Auseinandersetzung mit einander austragen. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier – so wie sie es schildert – ist keine Beziehung von Befehl und Gehorsam – und auch nicht eine Beziehung der Zuwendung oder der Sentimentalität. Tine Schumann lässt sie vielmehr eine direkte Konfrontation austragen. Dabei ist es nicht immer eindeutig, wer das Herrchen ist, wer Angreifer und wer Angegriffener ist? Bedeutungsperspektivische Verzerrungen stellen die Machtfrage: Wer ist der Jäger und wer ist der Gejagte?
Diese aufgeschreckten, heranspringenden zumeist den Repräsentanten der Ordnungsmacht gegenüber stehenden Wesen verkörpern das komplette Gegenteil, nämlich die schon genannte Freiheit, Spontaneität, Ungezwungenheit, Direktheit, das nicht Dirigierbare, die Wildheit der Natur.
Mit dem Tierbildnis und den Tiermotiven gelangt Tine Schumann in ihren grafischen und malerischen Arbeiten zu einer verallgemeinerten Aussage über gesellschaftliche Konflikte. Diese interpretiert sie als Formungsprozesse. Auf martialische und vielleicht auch gewaltsame Weise erfolgt die Bändigung des Widerstandes und der unorganisierten Gegenwehr. Das konfliktreiche und spannungsgeladene Spiel von Macht und Gegenmacht stellt sie in ihren Arbeiten auf die Probe.
Aus den hinlänglich bekannten Demonstrationsszenen und Motiven der Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und den Ordnungskräften extrahiert die Künstlerin vor allem die Akteure der Staatsmacht. Ihre typischen Gesten des Gerangels, des Festhaltens, Greifens, Herausgreifens, der Fixierung des Gegriffenen mittels geschickter, mächtiger Handgriffe und auch die Gesten des Zuschlagens werden zu Symbolen der Macht. Stacheln und Stäben, inspiriert vom berüchtigten Nato-Stacheldraht, verkörpern Strukturen der Macht. Die orangeroten Stäbe sind dabei nicht nur Prügel, sondern setzen auch farbige Akzente.
Der Gewöhnlichkeit und Bekanntheit des Motivs und seiner bloßen Reproduktion entgeht Tine Schumann mittels der Verfremdung des Konfliktes. Indem sie ungleiche Akteure aufeinander treffen lässt, entlockt sie den Betrachter aus seiner Reserviertheit. Diese bildlichen Machtproben zwischen Tier und Mensch wirken vordergründig absurd. Ihre Surrealität weckt die Neugierde und verleiht ihnen ihre Spannung. Dank dieser Verfremdung erkennt der Betrachter die dem Dargestellten zu Grunde liegenden gesellschaftlichen und psychologischen Dimensionen.
Der Kampf umfasst in der Regel zwei Parteien. Aber auf welcher Seite steht die Künstlerin? Um ihre Werke auf eine Kernfrage zu konzentrieren, entzieht sie sich einer eindeutigen Parteinahme. Dazu verfolgt sie eine größtmögliche Offenheit in ihren Arbeiten. Offenheit heißt nicht nur, sich eindeutiger Beurteilungen und moralischer Urteile zu enthalten. Offenheit findet auch auf einer direkten künstlerischen Ebene statt, etwa in der Vermeidung der Darstellung von eindeutigen Raumstrukturen. Ihre Bildakteure lässt sie vielmehr frei von einem Kontext agieren. Bildvorstellungen der Montage und Praktiken der Collage fließen in ihr Schaffen ein und erzeugen eine häufig offene Struktur, in der sich verschiedene Handlungsstränge kreuzen oder überlappen. Offenheit entsteht in ihren Werken auch mittels des Einsatzes von Skizzenhaftigkeit und der Beibehaltung von Andeutungen in Form offener Strukturen und der Unfertigkeit einzelner Partien.
So fügen sich die Werke von Tine Schumann, vor allem die größeren, aus Sequenzen zusammen, die komplexeren Handlungsabläufen herausgegriffen zu sein scheinen. Aus der szenischen Gegenüberstellung wird eine Bildbeziehung zweier, dreier oder mehrerer Motive geschaffen. Die Erzählstruktur oder mögliche Handlungsabfolge bleibt dabei wiederum dem Betrachter überlassen. Im Gesamteindruck können sie sowohl eine Gleichzeitigkeit wie auch einen möglichen Handlungsablauf konstruieren.
Die Begegnung mit dem Leben ist Tine Schumann für ihr Schaffen essentiell. Die Erfahrung von Tieren und Menschen birgt für Tine Schumann grundlegende Emotionen. Was geschieht mit den Lebewesen und was ist das Leben überhaupt?
Ihre Arbeiten interpretieren das Leben in der Gesellschaft als einen permanenten Formungsprozess. Formung versteht sich als Erziehung, Bändigung, Dressur, Anpassungsprozesse, als eine Einbindung in soziale Zusammenhänge und in politische Umstände.
Das Leben schildert Tine Schumann in ihren Werken als labile Situationen. Momente der Unsicherheit werden in ihren Darstellungen erfasst. Die bloße Ansicht, das rein Porträthafte, die Freude etwa an der Schönheit des Tiers – das geht an dem künstlerischen Anliegen von Tine Schumann vorbei. Ihre Tiere sind zumeist erschreckte, aufgescheuchte, gehetzte Wesen. Diese Ausdruckswerte werden von einer vorsichtigen Unschärfe unterstützt, welche die innerliche und äußere Verunsicherung transportiert.
Die Motive des Straßenkampfes, wie sie vielfach von den Medien verbreitet werden, nutzt Tine Schumann als ein künstlerisches Ausgangsmaterial. Diese Szenen schildert sie als Allegorien von sozialen Machtverhältnissen und Machtproben, die das gesellschaftliche Leben jederzeit und vielfältig bereithält. In dieser Form erweist sich der „Realismus“ der Werke von Tine Schumann als eine sehr vielschichtige künstlerische Verarbeitung von Wirklichkeit, in die Erfahrungen nicht nur aus den Medien, sondern auch aus dem direkten Erleben in der Stadt einfließen.
Der „Realismus“ von Tine Schumann ist kein direkter und plakativer. In ihrer Serie von Tieren und Menschen führt sie zwei verschiedene Realitätsebenen zusammen, die ursächlich nicht mit einander verbunden sind. Daraus schafft sie verstörende und surreal wirkende Situationen. Erst mit dieser Verfremdung und der Zusammenführung des Gegensätzlichen und Widersprüchlichen gelingt es diesen Werken, der Wirklichkeit auf den Grund zu gehen und die Mechanismen der Spiele von Macht und Gewalt in unserer Gesellschaft offen zu legen.
Martin Schönfeld (Berlin 2013)
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