Text 1: von Dr. Susanne Lüdke zur Ausstellung TINE SCHUMANN - MALEREI in Bad Boll, April 2011.
Text 2: von Martin Schönfeld zu DOPPELTE SCHRAUBE in der temporären Kunsthalle des vdek, Berlin, Oktober 2011.
Text 1 zur Ausstellungseröffnung an der Evangelische Akademie Bad Boll:
Tine Schumann – Malerei und Grafik
von Frau Dr. Susanne Lüdke
3. April 2011
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, Ihnen die Ausstellung mit Werken von Tine Schumann ein wenig erläutern zu dürfen, die man mit Fug und Recht als „Heimspiel“ bezeichnen darf.
Denn Tine Schumann wurde 1972 in Kirchheim geboren, hat hier ihre Kindheit und Schulzeit verbracht, hat während dieser frühen Jugendjahre immer schon gemalt und war nach dem Abitur viel auf Reisen, gewissermaßen auf der Suche, auf dem Weg. Sie hat dann hier auch ihre erste Ausbildung in künstlerischer Richtung absolviert, nämlich zur Kunsttherapeutin in Nürtingen. Tine Schumann hat also einen sehr engen, persönlichen Bezug zu dieser Gegend hier, die ihre Heimat ist, die Alb, die Landschaft vor oder unter der Alb, das Neckartal. Seit 10 Jahren lebt sie nun im Osten der Republik, zunächst in Leipzig, wo sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte, dann in Berlin. All diese Lebens- und Bildungsstationen waren wichtig für sie, schlagen sich in den Werken nieder und sind gleichzeitig auch so etwas wie ein Reflex auf die deutsche Geschichte, insbesondere die Geschichte der deutschen Kunst in der zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. In Nürtingen hat Tine Schumann mit dem Dozenten Thomas Hellinger gearbeitet. Er kommt aus der Abstraktion, mit starken graphischen Bezügen, auch zur konkreten Malerei und damit ein „typischer“ Vertreter der westdeutschen Malerei in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Von ihm, sagt Tine Schumann, hat sie das genaue Hinsehen, das Erkennen eines Bildes, einer Komposition gelernt. In Leipzig wiederum hatte sie das Glück, noch mit Dozenten aus der Zeit vor der Wende arbeiten zu können. Sighard Gille – neben Arno Rink einer der Väter der Neuen Leipziger Schule – war hier ihr einflussreicher Lehrer. Die gegenständliche und figürliche Malerei, die ja von Leipzig aus einen Siegeszug angetreten hat, den man sich zehn Jahre vorher noch nicht hatte vorstellen können, prägt Tine Schumanns Bilder. Wir haben in dieser Ausstellung verschiedene Werkgruppen, die jeweils Bezüge zu diesen verschiedenen Lebensstationen herstellen.
Beginnen wir mit den Kinderporträts, die sie im Erdgeschoss sehen. „Ipak – trotzdem“ nennt Tine Schumann diese Serie, die sie als Erinnerungsbilder bezeichnet. Denn sie entstanden fast zehn Jahre nachdem sie sich 1999 als Kunsttherapeutin in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Tuszla, in Bosnien, mit diesen Kindern beschäftigt hatte. Überlebensgroße Porträts von Kindern in Aquarelltechnik, sehr zurückgenommen in ihrer Farbigkeit und ergänzt mit stärker farbigen Zeichnungen der Kinder selbst in Wachskreiden, Buntstift, Filzstift, die von der Künstlerin nachgemalt, nachempfunden wurden. Sehr ernst und blass wirken diese jungen Gesichter, die Mädchen bisweilen schon an der Schwelle zur Frau. Riesige Augen schauen uns an, sie erzählen von dem Trauma des Krieges, der Flucht, von dem Schrecklichen, dass sie bereits gesehen haben. Und gleichzeitig steckt da ein enormer Lebenswille, eine spürbare Vitalität in ihrem Ausdruck – „ipak – trotzdem“! Hier wird schon eine politische oder, wenn man so will, eine ethische/religiöse Grundhaltung der Künstlerin deutlich: Sie steht auf der Seite der Schwächeren, der Unfreien, der vielleicht Chancenlosen. Und sie steht zu diesem unbedingten Lebens- und Freiheitswillen.
Ganz anders die Kinderbilder in Ölmalerei hier im ersten Stock. Das sind die behüteten Kinder unserer Gesellschaft, die noch keine Krisen und Einschränkungen hinnehmen mussten, die in Sicherheit leben oder sich in Sicherheit fühlen. So unterschiedlich kann Kindheit sein. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass auch die Techniken sehr unterschiedlich sind: Die verletzbaren, den Einflüssen von Zeit, Licht, Luftfeuchtigkeit viel mehr ausgesetzten, also fragileren Arbeiten unten. Und die auf Dauer und Beständigkeit angelegten, die stabileren Arbeiten aus Ölmalerei auf Leinwand hier oben.
Eine andere Gruppe von Bildern beschäftigt sich mit Tieren. Da ist immer wieder der Wolf oder ein Hund, Wildkatzen und besonders eindrucksvoll die Hyäne, die mit ihrem seelenvollen Blick all unsere Vorurteile gegen genau diese Tierart aufhebt und uns tatsächlich als „Bruder Tier“ begegnet. Die Technik – Tusche auf Papier – verstärkt die Weichheit des Ausdrucks auf diesen Tiergesichtern. Sie sind achtsam, aufmerksam, spüren der Gefahr nach und sind jederzeit bereit zur Flucht. Die so genannten Raubtiere wirken weniger gefährlich als vielmehr gefährdet und haben besonders in der kleinformatigen Aquarellserie „durst“ viel Verwandtschaft mit dem Menschen. Das Wasser als Lebenselixier steht auch für das Leben schlechthin. Gleichzeitig ist der Ort des Lebens – die Wasserstelle – auch immer der Ort der Gefahr, der Lebensgefahr. Denn hier wird gekämpft, wird getötet, hier begegnet das Opfer seinem Täter, hier spielt sich der ganze Kosmos des Lebens ab. Die Wasserstelle als Bild für den sich ständig wiederholenden Kreislauf des Lebens. „Flieg fort, flieg fort!“ heißt denn auch warnend der Titel des großen Flamingobildes, das eine ganze Vogelschar bei der Rast an einem Wasser zeigt.
Die Bewegung, die wir schon auf den Tierbildern sehen, ist noch einmal verstärkt in der letzten und auch jüngsten Werkgruppe, die sich direkt mit der politischen Dynamik in Berlin beschäftigt. Tine Schumann hat ihr Atelier in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Hier ziehen regelmäßig Demonstrationszüge durch mit unterschiedlichsten politischen Forderungen und Protesten. Wieder geht es um Freiheit und Gerechtigkeit und um die Frage, wer droht und wer ist bedroht. Sind die vermummten Steinewerfer gefährlich – oder geht die Gefahr doch eher von den martialisch uniformierten Staatsbeamten aus? Steht die orange, gelbe und rote Farbe der Demonstranten für das Leben? Und die grau-schwarze Uniform für Zwang und Unfreiheit? Und welches „Spiel“ – so der Titel des Bildes – spielt der Wolf mit den drei Uniformierten, die ganz klein vor ihm herlaufen? Ist die spontane kreatürliche Natur letztlich stärker als die organisierte Staatsgewalt?
Das sind Fragen, die in den politisch-philosophischen Bereich führen, vielleicht auch in den ethisch-religiösen. Und wenn man weiß, dass Tine Schumann sich durch ihre Kindheit und Jugend hier in dieser Gegend im Protestantismus verankert fühlt, dann kann man auch gut verstehen, dass sie sich mit ihren Bildern hier in der Evangelischen Akademie Bad Boll besonders gut aufgehoben fühlt.
Dr. Susanne Lüdtke
Text 2:
Auszug aus dem Text zur Ausstellungseröffnung in der temporären Kunsthalle des vdek Berlin:
DOPPELTE SCHRAUBE - Gruppenausstellung
von Martin Schönfeld
Mitten im Leben
Sechs Positionen künstlerischer Zeitgenossenschaft
Unter dem Titel "Doppelte Schraube" präsentieren sich heute drei Künstlerinnen und drei Künstler. Mit ihren Werken und Präsentationen führen sie uns eine Breite zeitgenössischer künstlerischer Ausdrucksformen und Arbeitsweisen vor, die sowohl die klassische Malerei als auch die immer noch etwas ungewöhnlichen Formen von Raum- und Lichtinstallationen wie auch von Objektarbeiten einschließen.
Die von der Künstlerin Tine Schumann zusammengestellte Auswahl versammelt Künstlerinnen und Künstler, die alle schon das magische 35. Lebensjahr überschritten haben, also nicht mehr unter das Label "Junge Kunst" fallen, auf das die Marktspekulation schielt und die allgemeine Kunstförderung orientiert ist. Entsprechend haben wir es denn hier auch mit künstlerischen Positionen zu tun, die über das Prinzip "Trial and Error" längst hinaus geschritten sind und die für sich eine jeweils konsequente ästhetische Haltung entwickelt haben. Diese drei Künstlerinnen und drei Künstler repräsentieren keine Gruppe, sondern eine in ihrer Vielfältigkeit der Ausdrucksformen anregende Gruppenausstellung. Was sie aber gedanklich verbinden kann, ist ein jeweils individueller Griff mitten in das Leben, eine Auseinandersetzung mit der sozialen, politischen und räumlichen Wirklichkeit. Und in dieser Hinsicht haben wir es hier mit einer wahrlich zeitgenössischen Kunst zu tun.
Die drei Künstlerinnen und drei Künstler eignen sich hier und heute zwei Räume an, die den spröden Charme einer Investitionsruine ausstrahlen: Als wäre der Innenausbau ausgeblieben und als hätten die Handwerker fluchtartig ihre Baustelle verlassen. Zahlungsausfälle? Rückstände? Bankrott? Das sind alles doch sehr aktuelle Begriffe.
Statt Fliesenlegern und Installateuren werkeln nun hier in rascher Folge schon seit einigen Wochen Künstlerinnen und Künstler und nutzen die Wände und Flächen für ihre Zwecke. Das räumliche Ambiente ist roh, die Rohre liegen offen, der Fußboden ist noch nicht gemacht. Hier arbeiten sie, bereiten sie die Ausstellungen vor und tagsüber wirkt das so, als ob sie den noch fehlenden Innenausbau vollbrächten. Diese Räume hier an der Stresemannstraße sind zwischenzeitlich zu ihrem Werkort geworden, liebevoll auch "unsere Firma" genannt. Die Künstlerinnen und Künstler sind hier aber offensichtlich in Gleitzeit beschäftigt und im Ausstellungsaufbau schließt sich an manche Frühschicht sogleich noch die Spätschicht fließend an. Hier unternehmen die Künstlerinnen und Künstler ihre "Trockenübung" –früher sprach man auch einmal vom "Trockenwohnen".
Sie sind Lückenfüller und Zwischennutzer und haben diese Schauräume an der Stresemannstraße sich zur temporären Kunsthalle erkoren. – Wie, temporäre Kunsthalle, das hatten wir doch schon einmal, und ist die nicht schon längst nach Wien weiter gezogen?
Auch wenn sie das eigentlich gar nicht wollen, setzen sich die hier arbeitenden und ausstellenden Künstlerinnen und Künstler in einen ironischen Bezug zu einer Berliner Debatte über eine neue Kunsthalle in der Stadt, ein Vorhaben der zurückliegenden Berliner Landesregierung, welches das hier vor der Tür liegende Berliner Abgeordnetenhaus vor ein paar Monaten begraben hat. Die Künstlerinnen und Künstler der "Trockenübung" – so der Titel des Gesamtprojektes – setzen aber hier an und führen das Projekt einer Kunsthalle für Künstlerinnen und Künstler ganz autonom weiter. Das Projekt "Trockenübung" zeigt, dass die Stadt Berlin nicht nur eine Kunsthalle braucht, sondern viele Kunsthallen nötig hat: Orte, an denen Künstlerinnen und Künstler in rascher Folge Werkeinblicke ermöglichen können, Projekte realisieren können und vor allem das in Eigenorganisation.
Zu dieser temporären Kunsthalle gesellt sich nun in Form meiner Person die Pädagogik hinzu, im Klartext: die Kunstvermittlung! Deshalb möchte ich nun mit ein paar wenigen Worten die einzelnen in der Ausstellung "Doppelte Schraube" vertretenen drei Künstlerinnen und drei Künstler kurz vorstellen und versuchen, mich ihren präsentierten Werken und ihren künstlerischen Arbeitsansätzen anzunähern.
Dabei unternehme ich einen gedanklichen Spaziergang durch die Ausstellung, zu dem ich Sie hiermit einlade, mich zu begleiten.
Tine Schumann:
Beim Eintritt in diese "temporäre Kunsthalle" fällt dem Besucher als erstes die 2008 entstandene "Ipak trotzdem"-Porträtserie von Tine Schumann ins Auge. Diese Folge von sechs Kinderbildnissen erweist sich als eine vielschichtige Arbeit, indem sie die Erinnerung der Künstlerin an ihre Tätigkeit 1999 in Bosnien aufruft. Dort hatte sie vom Krieg traumatisierte Kinder im Rahmen eines kunsttherapeutischen Projektes betreut. Und von dort brachte sie einen ganzen Stapel von Kinderzeichnungen mit nach Berlin zurück. Neun Jahre später lebte ihre Erinnerung an diese Zeit beim neuerlichen Durchblättern der Kinderzeichnungen wieder auf. Dieses Zurückdenken veranlasste Tine Schumann zu ihrer Porträtserie. Dabei schuf sie Kinderbildnisse von Menschen, die heute längst erwachsen sind.
Tine Schumann erfasst die Gestik und den Gesichtsausdruck der emotionalen Erschütterung, die die Porträtierten in den Tagen des Bosnienkrieges erfahren haben. Verschreckte, plötzliche Bewegungen, starre, bohrende Blicke von erstaunlicher Ernsthaftigkeit bannen den Betrachter, lassen ihn förmlich nicht mehr los. Die Künstlerin schildert dabei auch unerwartet erwachsene Gesichter, denen nicht weniger der Ausdruck von Hilfesuchen eingeschrieben ist. Das alles hinterlegt sie mit Motiven aus Kinderzeichnungen, die von kindlichen Träumen, Wünschen und Sehnsüchten sprechen.
Tine Schumann beharrt aber nicht auf der Dokumentation: Die in Aquarellfarben transparent lasierend ausgeführten Bildnisse lassen Blässe erkennen, - fast wie halb verblichene und schon historische Fotografien –, die den Erinnerungsprozess der Künstlerin gewissermaßen versinnbildlicht. Es ist die Flüchtigkeit des Zurückdenkens und das Bewusstsein dafür, dass die Realität der vor neun Jahren erlebten Gesichter nicht rekonstruierbar ist.
Transparenz, motivische Durchdringungen und Überlagerungen sowie fließende Farbverläufe sind vielen Werken von Tine Schumann eigen, egal ob sie diese als Radierungen, als Tuschzeichnungen oder in Mischtechniken ausführt. In ihren Arbeiten zeigt sie sich der Wirklichkeit verbunden, hat sie doch schließlich einen Teil ihrer Ausbildung an der Kunsthochschule in Leipzig absolviert, wo die Figuration nicht nur Tradition, sondern mittlerweile auch schon eine dritte Leipziger Schule hervorgebracht hat.
Ihre Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist aber eine übersetzte, eben eine künstlerische Auseinandersetzung, eine individuelle ästhetische Verarbeitung von Wirklichkeit mit einem gewissen Hang zum Surrealen. Politische und gesellschaftliche Konflikte überträgt sie in metaphorische Bildsituationen und Motivkonfrontationen, die Albträumen entnommen sein könnten. Das Streben nach Freiheit wird von der ungebändigten Vitalität des Tieres verkörpert, vielfach dem Hund oder Wolf. Ihm gegenüber stehen die Normierten, die Uniformierten, die Gleichförmigen, was Tine Schumann aber weiter begreifen möchte als bloße Repräsentation der Staatsgewalt, denn Uniformierung kommt auch bei den Gegnern jener Staatsgewalt zum Tragen. Mit diesen und anderen Arbeiten – die leider nicht in der Ausstellung zu sehen sind – sieht sie sich mitten in der Gegenwart nicht nur des gesellschaftspolitischen Diskurses stehen, sondern auch in den gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen, die vielfach direkt vor ihrem Atelier in der Neuköllner Sonnenallee geschehen, wo sie mitten im Leben steht und wo es mehr Nähe zu den wirklich wesentlichen Fragen des Lebens nicht geben kann.
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Martin Schönfeld
Berlin 2011